DIE ORGEL:
Die neue Orgel in der Zionskirche Worpswede
Von Harald Vogel
Die Orgelgeschichte im Elbe-Weser-Gebiet, den Alten Herzogtümern Bremen-Verden, geht bis zum späten Mittelalter zurück. In den reichen Marschgebieten an der Elbe gab es bereits im 16. Jahrthundert stattliche Orgelwerke in vielen Dorfkirchen. Arp Schnitger wirkte seit 1676 als selbständiger Meister in Stade und baute in den folgenden Jahrzehnten viele eindrucksvolle Instrumente in diesem Land, von denen noch 12 Werke vollständig oder in Teilen vorhanden sind. Im Jahre 1678 baute er ein kleines Instrument für die St. Willehadi-Kirche in Scharmbeck, das aber nicht mehr erhalten ist. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts befanden sich in fast allen Kirchen in den Städten und Dörfern Orgeln. Manche übertrafen in ihrer Größe und Disposition die Stadtorgeln in anderen Teilen Europas. Durch die sehr traditionelle Bauweise der Orgelbauer im Land zwischen Weser und Elbe wurden die wertvollen Orgelinstrumente bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gut gepflegt und fanden seit etwa 90 Jahren eine ständig wachsende Beachtung als Zeugnisse einer überragenden Musikkultur. Heute findet die norddeutsche Orgelkunst weltweit Beachtung, wobei die Instrumente Arp Schnitgers und seiner Nachfolger auch als Modelle für neue Orgeln dienen. Bemerkenswert sind die Bestrebungen, die erhaltenen Werke Schnitgers zum Weltkulturerbe erklären zu lassen.
In dieses Umfeld gehört das Projekt der neuen Orgel in Worpswede. Die Zionskirche gehört zwar zu den "jungen" Kirchengründungen (1759), erhielt aber bereits 1762 eine repräsentative Orgel von dem in Stade wirkenden Orgelbauer Dietrich Christoph Gloger. Er entstammte einer Orgelbauer-familie, die ihre Wurzeln in Mitteldeutschland hatte und deren Mitglieder seit dem zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts auch in Norddeutschland wirkten. Der junge Dietrich Christoph arbeitete um 1730 als "Principalgeselle" bei dem Stader Orgelbauer Erasmus Bielfeldt, dessen schöne Orgel in der Scharmbecker St. Willehadi-Kirche fast vollständig erhalten blieb. Er ließ sich 1734 in Stade nieder und übernahm die ehemalige Werkstatt Schnitgers. Von Stade aus wirkte Gloger bis zu seinem Tode 1773 und hinterließ prächtige Orgelwerke, von denen das zweimanualige Instrument in der Emmauskirche in Neuhaus a. d. Oste fast unverändert vorhanden ist und mit ihrem farbigen und brillanten Klang die Zuhörer bis heute in ihren Bann zieht. Das größte Instrument aus der Werkstatt Glogers (mit 3 Manualen und 46 Registern) steht in Otterndorf und wird demnächst restauriert.
Durch eine Zeichnung von Gloger aus dem Jahre 1752 für die ehemalige Klosterkirche St. Marien im benachbarten Osterholz können wir uns ein weitgehendes Bild vom Aussehen der Worpsweder Orgel machen.
Die Gloger-Orgel von 1762 in der Worpsweder Kirche wurde 1831 grundlegend umgebaut und erweitert durch Peter Tappe aus Verden. Im Jahre 1900 wurde sie durch ein modernes "pneumatisches" Werk ersetzt. Diese Konstruktion erwies sich aber als nicht dauerhaft funktionsfähig, so dass schon 50 Jahre später ein weiterer Neubau notwendig wurde, allerdings durch die Umstände der Nachkriegszeit in einer nicht ausreichenden Qualität der Materialien. So ergab sich erneut die Notwendigkeit eines Orgelbaus, der Anfang März 2012 fertiggestellt wurde.
Die vier bisherigen Orgeln in der Zionskirche in Worpswede waren typische Beispiele für die Orgelstile ihrer Zeit und sollen hier kurz beschrieben werden, bevor das Konzept der neuen Orgel erläutert wird.
Die Gloger-Orgel von 1762
Obwohl das Instrument von Dietrich Christoph Gloger bereits vor 110 Jahren vollständig ersetzt wurde, lässt sich ein gutes Bild von der Verteilung der Register, dem Werkaufbau und der Größe des Gehäuses gewinnen. Bereits wenige Monate nach der Einweihung der Worpsweder Kirche wurde im November 1759 auf Veranlassung von Jürgen Christian Findorff der Bau einer neuen Orgel mit Gloger vereinbart. Sie sollte 15 Register, davon 5 Stimmen im Pedal, enthalten. Der Hinweis auf einen Principal 4' im Prospekt bezieht sich auf die beschränkten Emporenverhältnisse im ursprünglichen Interieur der Kirche. Es ist wahrscheinlich, dass Gloger tatsächlich ein größeres Gehäuse baute, das einen Principal 8' (mit über 2 Meter langen Basspfeifen) aufnehmen konnte.
An Nebenregistern sollte die Orgel einen "wohlschlagenden Tremulanten" und einen Cimbelstern enthalten.
Findorff hat in den von ihm gebauten Kirchen in Worpswede, Grasberg und Gnarrenburg dafür gesorgt, dass eine möglichst vollständige Innenausstattung entstand, zu der jeweils eine Orgel gehörte. Aus seiner Eingabe an die Königliche Kammer in Hannover wegen der Erbauung einer Orgel in Gnarrenburg formulierte er: "Zu den Notwendigkeiten bei einem Kirchenbau rechne ich die Anschaffung einer Orgel, ohne welche der Gesang, der noch ein erheblicher Theil der öffentlichen Gottesdienste ist, gemeiniglich sonderlich bei Landgemeinden auf eine recht erbärmliche Art und Weise geführt zu werden pflegt."
Gloger baute 1752 ein Werk in der Klosterkiche St. Marien im benachbarten Osterholz, das im Manual auf der Grundlage eines Principals 8' im Prospekt eine sehr ähnliche Disposition aufwies:
1) Principal 8 fuß
2) Gedact 8 fuß
3) Octava 4 fuß
4) Flöta 4 fuß
5) Quinta 3 fuß
6) Octava 2 fuß
7) Sexquialtra 2 fach
8) Mixstur 3 fach
9) Trompeta 8 fuß
Tremulant
Neben dem Kontrakt ist in Osterholz auch die Zeichnung von Gloger erhalten, die hier als Beispiel seiner Gehäusegestaltung bei Orgeln dieser Größe wiedergegeben werden soll.
Die Gloger/Tappe-Orgel von 1831
Eine Veränderung und Vergrößerung erfuhr die Worpsweder Gloger-Orgel in den Jahren 1830/31 auf Veranlassung des Worpsweder Organisten Friedrich Wilhelm Schröder durch den Orgelbauer Peter Tappe aus Verden. Schröder wünschte eine zweimanualige Orgel mit einer stärkeren Bassfundierung und größeren dynamischen Abstufungen sowie eine neue Spieltischanlage. Tappe baute ein neues Oberwerk mit 5 Registern und einen neuen separaten Spieltisch, der um 180° gedreht war und dem Organisten eine gute Sicht zum Altarbereich ermöglichte. Das Pedal erhielt wahrscheinlich eine Posaune 16' mit längeren Schallbechern an der Stelle vom Dulcian 16' mit schlankeren und kürzeren Schallbechern, den Gloger nach dem Plan von 1759 im Pedal anlegen sollte. Diese grundlegenden Veränderungen machten es notwendig, dass eine neue und tiefer gelegene Orgelempore gebaut werden musste. Noch heute liegt die Orgelempore tiefer als die seitlichen Emporen.
Die Disposition wurde nach 1833 in der Sammlung von Heinrich Renken aufgezeichnet. Leider ist diese Registeraufzeichnung nicht ganz fehlerfrei. Sie liefert aber doch ein gutes Bild von dem Instrument, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts gespielt wurde:
Hauptwerk Oberwerk Pedal
1. Quintadena 16' 1. Doppelflöte 8' 1. Subbaß 16'
2. Principal 8' 2. Flöte 4' 2. Principal 8'
3. Gedact 8' 3. Gemshorn 2' 3. Octave 4'
4. Octave 4' 4. Fagott 8' 4. Sesquialtera 2 fach
5. Flöte 4' 5. Fugaris 4' 5. Posaune 16'
6. Octave 2' 6. Trompete 8'
7. Mixtur 4 fach
8. Scharf 3 fach
9. Trompete 8' 4 Bälge
Im Pedal ist fälschlicherweise das Register Sesquialtera 2 fach aufgeführt, das wahrscheinlich im Hauptwerk stand (wie in der Gloger-Disposition von Osterholz, s. o.). Auf diese Weise stimmt im Hauptwerk und Pedal die Registerzahl mit dem Zustand von 1762 überein. Im Oberwerk gehört das Register Fugaris, das auch in anderen Dispositionen von Tappe zu finden ist, zu den stark klingenden Streicherstimmen.
Peter Tappe gehörte zu den inventiven Orgelbauern des 19. Jahrhunderts, die ein neues Windladensystem entwickelten. Er erhielt 1840 für das Königreich Hannover ein "Privilegium... auf eine eigenthümliche Einrichtung der Orgel-Windladen", die es ermöglichte "ein Anschwellen der Töne zu erreichen". Die Wunsch nach dynamischen Schwellwirkungen gehörte zu den Anliegen vieler Organisten und führte zu unterschiedlichen Lösungen, von denen sich schließlich das (bereits im 18. Jahrhundert entwickelte) Schwellwerk allgemein durchsetzte. Dabei können durch einen Mechanismus, der von einem über der Pedalklaviatur angebrachten Tritt ausgelöst wird, Schwelltüren betätigt werden, die das Klangvolumen der Pfeifen im geschlossenen Kasten des Schwellwerks stufenlos regeln.
Wir können heute nicht mehr feststellen, ob Tappe bei dem Umbau im Worpswede für das neue Oberwerk noch die traditionelle Konstruktion der Schleiflade oder bereits eine Vorform seines neuen Systems verwendete. Sein Umbau hatte aber eine viel kompliziertere Mechanik zur Folge, die nicht mehr so zuverlässig und störungsfrei funktionierte wie die klassische Bauweise von Gloger. So kam es bereits wenige Jahre später zu mechanischen Störungen, die im Laufe der Zeit zunahmen. Auch die Verleimungen der Holzpfeifen von Tappe waren nicht beständig.
Die Peternell-Orgel von 1900
Die Funktion der Orgel wurde so problematisch, dass die Worpsweder Gemeinde 1900 einen Vertrag zum Orgelneubau mit der Firma Gebr. Peternell aus Seligenstadt abschloss. Es handelte sich um ein zweimanualiges Instrument mit 26 Registern nach dem damals neuen "pneumatischen" System, wo die Verbindung von den Tasten zum Inneren der Windladen nicht mechanisch, sondern durch ein Druckluftsystem (mit kleinen Bleiröhrchen für jeden Ton) erfolgte. Diese Konstruktion verfügte über ein weiteres Schaltsystem für die dynamische Differenzierung: den Registerschweller, der ein Zu- und Abschalten der einzelnen Register ermöglichte.
Der Prospekt der Peternell-Orgel zeigt noch den klassischen fünfteiligen Aufbau mit den größten Pfeifen in der Mitte, den anschließenden kleinen Pfeifenfeldern und den mittleren Pfeifengrößen außen. Das Manual-Pfeifenwerk (20 Register) befand sich auf einer großen Windlade nach dem "durchschobenen" System, wobei die Töne der beiden Manuale abwechselnd nebeneinander stehen.
Das Pedal befand sich, wie bei Gloger und Tappe, im rückwärtigen Teil vor der Außenmauer.
Der Orgelbau in der Zeit der Jahrhundertwende um 1900 war geprägt vom allgemeinen Fortschrittsdenken mit einer optimistischen Einstellung zu allen technischen Neuerungen. Für die Organisten der damaligen Zeit war die leichte Spielart, die mit dem Spielgefühl des Harmoniums verglichen werden kann, bestechend. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass neben dem Klavier vor allem das Harmonium als Übungsinstrument für Organisten diente.
Es stellte sich aber im Verlauf der folgenden Jahrzehnte heraus, dass die komplizierte Technologie des pneumatischen Systems (mit Hunderten von kleinen Bälgchen) auf die Dauer störanfällig wurde und zunehmend regelmäßige Reparaturen und Erneuerungen erforderte. Die Bauweise der Firma Peternell war offenbar nicht so ausgereift wie bei anderen Orgelbaubetrieben und gab schon innerhalb der ersten 10 Jahre Anlass zu Klagen. So wurde nach 50 Jahren ein Orgelneubau unumgänglich, da die Peternell-Orgel in zunehmendem Maße unbespielbar wurde.
Die Führer-Orgel von 1959
Die Motivation zum Orgelneubau in der Aufbauphase der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts hatte nicht nur funktionale, sondern auch ästhetische Ursachen. Das Klangideal der Zeit um 1900 mit einer weitgehenden Beschränkung auf die Grundklänge und einer Betonung der dynamischen Klangelemente erfuhr seit dem Ende des Ersten Weltkriegs eine grundsätzliche Kritik. Diese Entwicklung führte in den Jahrzehnten nach 1950 zur allgemeinen Wiedereinführung der Schleiflade mit mechanischer Spiel- und Registertraktur, der hochliegenden Obertonregister und einer kompakten Bauweise nach dem Vorbild der norddeutschen Orgelbaumeister der Barockzeit mit abgeschlossenen "Werken". Zur Bezeichnung dieser Bauweise, die in jeder Hinsicht das Gegenteil der heute als spätromantisch bezeichneten Baukonzepte um 1900 darstellt, bildete sich der Begriff "Werkprinzip" heraus.
Die von der Orgelwerkstatt Führer in Wilhelmshaven 1959 abgelieferte neue Orgel entsprach dieser Bauweise und erfüllte damit die ästhetischen Erwartungen der damaligen Zeit. Gleichzeitig war das neue Werk in jeder Beziehung das genaue Gegenteil der Peternell-Orgel von 1900. Begrüßenswert war durch die klare Aufteilung der beiden Manualwerke Hauptwerk (in der Mitte oben) und Brustwerk ((hinter einem Gitterwerk oberhalb des Spieltisches) sowie dem Pedalwerk (hinter den seitlichen großen Prospektpfeifen) eine strukturelle Übereinstimmung von Prospekt und innerem (Werk-)Aufbau. Die Disposition folgte den Grundsätzen des norddeutschen Orgelbaus in der Barockzeit und ermöglichte eine sehr begrenzte Grundfläche der gesamten Orgelanlage. Nachteilig war allerdings die "spitzige" Klangwirkung des Brustwerks, in dem sich überwiegend sehr hohe Register befanden, die vor allem im Nahbereich die Ohren von Spielern und Zuhörern überforderten. Verstärkt wurde diese Wirkung durch die Verwendung der modernen sogenannten gleichstufigen Stimmung, die jede Tonart im hohen Frequenzbereich dissonant klingen lässt. Weiterhin klangen die Grundregister dünn und die Zungenstimmen näselnd, da eine ausreichende Entwicklung des Grundtonbereichs nicht angestrebt war. Das Problem dieses Baukponzeptes war, dass weder die Musik der Renaissance- und Barockzeit noch die Orgelwerke im romantischen Stil befriedigend dargestellt werden konnten. Für viele Kompositionen in den nachromantischen Stilen des 20. Jahrhunderts fehlten spezifische Klangkombinationen, - natürlich auch bedingt durch die geringe Zahl von 20 Registern.
Die Nachkriegsorgel von 1959 hatte aber vor allem technisch-konstruktive Mängel. Das Gehäuse, die Windladen, die Bälge und die Spielanlage (Klaviaturen und Traktur) bestanden nicht mehr - wie bei den Vorgängerorgeln von Gloger und Tappe - aus Massivholz und zeigten an vielen Stellen bald Verschleißerscheinungen. So stellte der zuständige Orgelrevisor Winfried Dahlke in einem Visitationsbericht vom 13.03. 2002 fest: "Es sollte aber auch die Frage erlaubt sein, ob es in einem touristisch so gut erschlossenen und prominenten Ort wie Worpswede nicht realistisch wäre, Förderer für einen qualitätvollen Orgelneubau zu gewinnen." So kam es zu dem Entschluss, einen Orgelneubau anzustreben, durch den die Worpsweder Kirche ein Instrument von hoher Qualität und Lebensdauer erhalten sollte.

Die Planung der neuen Orgel von 2012
Ausgangspunkt der Überlegungen zum Bau einer neuen Orgel in Worpswede war die Absicht, nicht wieder nach einem halben Jahrhundert ein konstruktiv unzureichendes Werk ersetzen zu müssen. Aus der Kenntnis des historischen Orgelbaus und einer Phase von sorgfältigen Restaurierungen wissen wir heute, dass die Gloger-Orgel von 1762 die Voraussetzungen für ein langlebiges und höchsten klanglichen Ansprüchen genügendes Werk erfüllte. Die heute noch spielbaren und weitgehend erhaltenen Werke von Dietrich Christoph Gloger in Neuhaus/Oste, Cadenberge und Grünendeich erfüllen nicht nur alle Anforderungen für das gottesdienstliche Orgelspiel, sondern eignen sich auch hervorragend zur Darstellung eines großen Teils des Orgelrepertoires.
So entwickelte sich in Worpswede ein Konsens über das neue Orgelkonzept in Anknüpfung an die ursprüngliche Gloger-Orgel von 1762 und die Erweiterung um ein zweites Manual durch Peter Tappe von 1831. Als Grundlage für die Verteilung der Register diente die Aufzeichnung der Disposition durch Heinrich Renken (s. o.). Zu diesem Registerbestand kommen noch im Hauptwerk die Flötenstimme Nasat und im Pedal die Mixtur hinzu.
Die Verteilung der Register auf zwei Manuale geschieht nicht durch die Anlage einer zweiten separaten Windlade. Die Lösungen von Tappe und Führer hatten beide Nachteile mit sich gebracht: Das Oberwerk (als erhöhtes Hinterwerk) klingt verhältnismäßig indirekt und ist bei geheizter Kirche nur schwer in der Stimmung mit den anderen Werken in Übereinstimmung zu bringen; durch ein Brustwerk wird die Höhe des Hauptwerks so beschränkt, dass die Anlage eines Prospektprincipals in voller 8'-Länge nicht möglich ist. So wird bei der neuen Orgel das Manual-Pfeifenwerk auf eine Ebene im Hauptgehäuse gestellt in der Konstruktion der durchschobenen Lade. Diese technische Lösung bestand in vergleichbarer Form, allerdings mit einem anderen Ladensystem, bei der Peternell-Orgel. Das Pedal befindet sich hinter dem Hauptgehäuse, wie bei den Instrumenten von Gloger, Tappe und Peternell. Dadurch entsteht genügend Raum - auch in der Höhe - für die großen Pfeifenreihen, vor allem die Posaune 16'.
Die neue Orgel enthält also Konstruktions- und Aufstellungselemente der Worpsweder Orgeln aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Vergleichbar ist die kompakte Bauweise auch mit der Führer-Orgel von 1959. Das äußere Bild entspricht annähernd der Gloger-Orgel, wobei das Interieur der Worpsweder Kirche wieder die von Findorff intendierte Gegenüberstellung von Kanzelaltar und Orgel in den ursprünglichen Proportionen erhält.
Ein Glücksfall war die Auftragsvergabe an die Werkstatt Ahrend in Leer-Loga. Damit konnte die Kompetenz der Werkstatt des 20. Jahrhunderts mit der längsten Tradition im künstlerischen Orgelbau auf der Grundlage von historischen Bauweisen gewonnen werden. Es schließt sich der Kreis, der mit vier Instrumenten in jeweils typischen Zeitstilen durchlaufen wurde, in einer stilistischen und konstruktiven Synthese:
- Die Gloger-Orgel war ein funktionales Instrument für den Gemeindegesang von höchster bautechnischer und klanglicher Qualität. - Das Konzept der Peternell-Orgel beruhte auf einer radikalen Abkehr von den Orgelbautraditionen und konzentrierte sich auf die Idee des dynamisierten romantischen Orgelklangs.
- Die Führer-Orgel repräsentierte den Gegenentwurf zum expressiven Stil um 1900 und zeigte eine strukturalistisch-kompakte Vereinfachung der Pfeifenaufstellungen, eine Abkehr von den bewährten Materialien und ein neutrales objektiviertes Klangbild mit einem nicht ausreichenden Grad von Klangverschmelzung.
- Die neue Ahrend-Orgel orientiert sich in der Bauweise und im Klang an der hochqualitativen Gloger-Orgel, wobei Elemente der Orgelbauten des 19. und 20. Jahrhunderts einbezogen sind. Hier wird eine stilistische Bandbreite erreicht, die den Vorgängerinstrumenten fehlte.
Die Disposition der neuen Ahrend-Orgel:
Hauptwerk (CD-f"') Positiv (CD-f"') Pedal (C-f') 1. Quintadena 16' 1. Gedact 8' 1. Subbass 16' 2. Principal 8' 2. Spitzflöte 4' 2. Octave 8' 3. Gedact 8' 3. Fugaris 4' 3. Octave 4' 4. Octave 4' 4. Gemshorn 2' 4. Mixtur 3fach 5. Flöte 4' 5. Sesquialtera 2fach 5. Posaune 16' 6. Nasat 2 2/3' 6. Scharff 3fach 6. Trompete 8' 7. Octave 2' 7. Dulcian 8' 8. Mixtur 4fach Tremulant 9. Trompete 8' Manual- und Pedalkoppel Cimbelstern Es handelt sich bei der neuen Orgel in Worpswede um ein Instrument, dessen Klang kammermusikalisch orientiert ist und sich daher in besonderer Weise für das Orgelwerk Johann Sebastian Bachs eignet. Dadurch kann eine Lücke in der reichen norddeutschen Orgellandschaft gefüllt werden. Die neue Orgel in Worpswede eröffnet Studien- und Aufführungsmöglichkeiten, die das kulturelle Profil des Ortes sehr bereichern.
In Worpswede steht die neue Ahrend-Orgel im Mittelpunkt von Konzerten, die ganzjährig an jedem Sonntag (um 17:00 Uhr) stattfinden. Diese Konzertreihe wurde von der Worpsweder Organistin Ulrike Dehning 2004 zur Sammlung eines Eigenbeitrages zum Orgelbau begründet. Sie hat wesentlich zur Finanzierung des Orgelprojektes beigetragen, die u. a. von mehr als 500 Spendern getragen wurde.
Schlussbemerkung:
Die Worpsweder Orgel für Bach ist hochwillkommen, da sie Ausdruck eines aktualisierten Verständnisses der Annäherung an die Orgelmusik Bachs ist. Hier ist auf höchstem orgelbauerischen Niveau ein Beitrag zu einer zeitgemäßen Bachorgel-Interpretation geliefert worden.
Benutzte Literatur:
Festschrift zur Einweihung der neuen Orgel in der Worpsweder Zionskirche, Worpswede 2012.
Uwe Pape, Das Privileg des Patent-Orgelbauers Peter Tappe, in: Acta Organologica, Bd. 18, Kassel 1985, S.298-304.
Heinrich Renken, Orgeldispositionen aus den Herzogtümern Bremen und Verden, Manuskript 1833-63.
Harald Vogel et al., Orgeln in Niedersachsen, Bremen 1997, S. 232-235.
Harald Vogel, Plädoyer für eine zeitgemäße Universalorgel, in: Musik und Kirche, 3/2011, S.180-186.